Dez. 10, 2025

Wer bin ich, wenn ich Religion unterrichte?

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Spirituelle Professionalität als personale Herausforderung

Ein Beitrag von Maike Maria Domsel

Der Religionsunterricht (RU) steht gegenwärtig unter dem Druck tiefgreifender gesellschaftlicher und innerdisziplinärer Transformationen (von Scheliha/Wißmann 2024). Globale Konflikte, ökologische Krisen, religiöse Indifferenz und wachsender Extremismus markieren eine Zeit wachsender Unübersichtlichkeit, in der klassische Angebote religiöser Bildung zunehmend als lebensfremd wahrgenommen werden (Domsel 2024, 23–39). Gleichzeitig zeigt sich eine institutionelle Erosion: Der Rückgang der Theologiestudierenden – auch im Lehramtsbereich – weist nicht nur auf eine Krise der Attraktivität, sondern zugleich auf ein sich wandelndes Selbstverständnis des RUs hin (Katholisch.de 2023). Inmitten dieser Entwicklungen rückt eine grundlegende Frage in den Fokus: Wer bin ich – auch spirituell –, wenn ich Religion unterrichte? Diese Leitfrage verweist auf die personale Dimension religionspädagogischer Professionalität: Sie betrifft das Selbstverständnis von Religionslehrkräften im Spannungsfeld von Biografie, beruflicher Verantwortung und gesellschaftlichem Wandel.

Die These dieses Beitrags lautet: Spirituelle Professionalität ist kein Zusatz zur fachlichen und didaktischen Qualifikation, sondern ein konstitutives Moment professioneller religionspädagogischer Praxis. Sie befähigt Lehrkräfte, existenzielle Bildungsprozesse dialogisch, resonanzfähig und transformativ zu gestalten – gerade in einer Zeit, in der religiöse Sprache fragil geworden ist. Ausgehend von meiner Habilitationsschrift „Hinter dem Horizont. Zum spirituell-religiösen Selbstverständnis von Religionslehrkräften“ (Domsel 2023) wird ein erweitertes professionsbezogenes Verständnis vorgestellt, das spirituelle Selbstvergewisserung als Schlüsselfaktor pädagogischer Glaubwürdigkeit begreift. Damit verbunden ist die Vision eines RUs, der mehr ist als Wissensvermittlung: ein Resonanzraum spiritueller Subjektbildung.

 

  1. Perspektive und Ausgangspunkt: Spirituell-religiöse Selbstvergewisserung von Religionslehrkräften

Bevor das Konzept spiritueller Professionalität näher entfaltet wird, erscheint es zweckmäßig, Spiritualität als personale, dialogische Bezogenheit des Menschen auf das Transzendente zu definieren. Diese gewinnt im christlichen Glauben konkret durch die lebendige Beziehung zu Gott Ausdruck und Gestalt, bleibt aber zugleich offen für vielfältige Formen spiritueller Suche und existenzieller Sinnfindung, sodass unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Perspektiven berücksichtigt werden können. Diese Verständnisebene bildet die theologische Grundlage für die anschließende Betrachtung der spirituellen Selbstvergewisserung von Religionslehrkräften (Domsel 2023, 103–128).

In meiner Habilitationsschrift entwickle ich ein erweitertes professionsbezogenes Verständnis religiöser Bildungsarbeit, das Religionslehrkräfte nicht nur als fachlich-didaktisch qualifizierte Wissensvermittelnde, sondern als spirituell ansprechbare, theologisch verortete und reflexiv beziehungsfähige Subjekte versteht. Der Fokus liegt auf dem spirituell-religiösen Selbstverständnis als konstitutivem Element pädagogischer Authentizität. Ausgangspunkt bildet eine grundlegende konzeptionelle Klärung, in der spirituelle Professionalität theologisch, bildungstheoretisch und professionsethisch fundiert wird. Spiritualität wird nicht als additive Kompetenz neben fachlicher Expertise verstanden, sondern als transversale Dimension, die das Selbstverhältnis von Lehrkräften, ihr theologisches Denken, ihre pädagogische Haltung und ihr Handeln durchdringt. Grundlage ist ein theologisches Menschenbild, das den Menschen als von Gott geschaffenes, zur Beziehung mit Gott, Mitmenschen und Welt befähigtes Wesen begreift – bestimmt durch Freiheit, Verantwortung und Angewiesenheit auf Gnade. In diesem Verständnis gründet die dialogische Bezogenheit des Subjekts auf Transzendenz und Welt ebenso wie ein Bildungsverständnis, das personale Reifung und existenzielle Resonanzräume als integrale Bestandteile schulischer Bildung ernst nimmt. Die spirituelle Selbstvergewisserung stellt in diesem Zusammenhang keine rein individuelle Praxis dar, sondern wird im Horizont professioneller Identitätsbildung verortet.

Methodologisch rahme ich diesen Zugang durch den autoethnografischen Forschungsansatz, der es ermöglicht, biografische Erfahrungen exemplarisch für kollektive Fragestellungen fruchtbar zu machen. Das biografisch-narrative Werk „Leben! Freiheit! Gott?!“ (Domsel 2021)[1] bildet dabei nicht lediglich illustrative Materialien, sondern zentrale Reflexionsräume für die Analyse spiritueller Selbstpositionierung. In dieser doppelten Bewegung – zwischen konzeptioneller Tiefenschärfe und autoethnografischer Selbsterschließung – wird spirituelle Professionalität als Schlüsselressource für eine zukunftsfähige Religionspädagogik in krisensensiblen Bildungsräumen ausgewiesen.

Dieser autoethnografische Zugang, ursprünglich aus der qualitativen Sozialforschung stammend, verbindet persönliche Erfahrungen mit kulturellen, sozialen und spirituellen Deutungsrahmen (Ploder/Stadlbauer 2013, 373–404). Subjektive Wahrnehmung wird nicht als Verzerrung, sondern als erkenntnisleitende Ressource verstanden (Domsel 2023, 285). Indem die performative Kraft des literarischen Mediums genutzt wird, entstehen Resonanzräume, in denen wissenschaftliche Reflexion und existenzielle Betroffenheit zusammenkommen. So erlaubt Autoethnografie eine Form der Erkenntnis, die sowohl methodisch fundiert als auch identifikatorisch anschlussfähig ist – für Leser*innen wie für Forschende selbst (Vochatzer/Engelmann 2019, 88). Gerade durch autoethnografische Zugänge lässt sich zeigen, dass spirituelle Professionalität keine privatistische Haltung oder nachträglich zu erwerbende Zusatzkompetenz ist, sondern ein integraler Bestandteil pädagogischer Professionalität im Religionsunterricht – gerade in einer Gegenwart, die zunehmend durch Kontingenz, Fragmentierung und Sinnsuche geprägt ist. In ihrer Tiefe erschließt sich diese Professionalität in fünf aufeinander bezogenen Dimensionen: einer personalen, narrativen, atmosphärischen, performativen und prophetischen.

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