Dez. 10, 2025

The good old days are gone and they won´t return

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Eine Standortbestimmung zum katholischen Religionsunterricht

Ein Beitrag von Stephan Pruchniewicz

Wer aus der Literatur oder auch aus eigenem Erleben die Situation des Religionsunterrichts in den vergangenen drei Jahrzehnten seit der Veröffentlichung der bischöflichen Schrift „Die bildende Kraft des katholischen Religionsunterrichts“ (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2009) verfolgt hat, kann sich vielleicht des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass sich der Religionsunterricht als solcher, und im speziellen wohl vor allem die katholische Variante dieses Unterrichts, in einem Rückzugsprozess befindet. Das Einschwören auf die Trias und die Betonung der überragenden Bedeutung einer erkennbaren konfessionellen Prägung des Religionsunterrichts in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts erscheinen auch angesichts der damit verbundenen Hoffnung in der Gegenwart fast anachronistisch. Die vielfältigen kooperativen Weiterentwicklungen des Religionsunterrichts in interkonfessionelle, interreligiöse und interkulturelle Richtungen, sowie die veränderten gesellschaftlichen Erwartungen und Anfragen an das Fach – inklusive der Antwortversuche darauf – haben zu der bunten und vielleicht auch unübersichtlichen Landschaft geführt, die sich im Hier und Heute hinter dem Begriff Religionsunterricht auftut. Einen gewissen Hort der Beständigkeit bildet in dieser Veränderungs- und Umbruchsituation vielleicht noch die universitäre Ausbildung der Religionslehrkräfte, die mit einer gewissen Beharrung einer monokonfessionellen Ausrichtung folgt (zumindest, was das christliche Spektrum betrifft). Aber auch hier deuten sich Veränderungen an bzw. lassen sich mit Blick auf den CRU (Christlicher Religionsunterricht) in Niedersachsen und das lange etablierte Hamburger Modell bereits konstatieren.

Gerade die Bemühungen um eine kooperative Weiterentwicklung des Religionsunterrichts waren und sind über die hierfür vorhandenen guten theologischen Gründe hinaus vor allem motiviert durch die Hoffnung, unterrichtliche Angebote zu kreieren, die die zurückgehende Akzeptanz und den abnehmenden Bedarf an religiöser Bildung ein wenig bremsen und im Idealfall auch ganz stoppen. Dass hierbei Erfolge erzielt wurden, ist unbestritten und auch ich selbst habe lange Zeit von dieser Hoffnung gelebt und berufliche Motivation daraus gezogen. Dennoch bleibt das Menetekel vom Ende des Religionsunterrichts am Horizont der Bildungslandschaft deutlich sichtbar. Nicht zuletzt zeigt die zurückgehende Zahl der Studierenden in den Lehramtsstudiengängen im Fach Theologie, dass von einem erfolgten Umschwung nicht die Rede sein kann.

Gleichwohl ist hier nicht der Ort zum Wehklagen über verpasste Chancen, über suboptimale Weichenstellungen oder über Fehlentscheidungen in der Vergangenheit. Gerade die an vielen Stellen wenig hoffnungsvollen Ergebnisse der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (2023) geben bezüglich des Religionsunterrichts doch eine Spur vor, der zu folgen es sich meines Erachtens lohnt, um den Religionsfächern in den öffentlichen Schulen eine zukunftsfähige Neuausrichtung zu geben. Es ist durchaus bemerkenswert, welch hohe Wertschätzung der Religionsunterricht bei den Befragten genießt (vgl. hierzu etwa Kläden/Loffeld 2025), und wie sehr diese sich mehrheitlich seine Weiterexistenz wünschen. Daraus lässt sich mit einer gewissen unscharfen Verallgemeinerung der vorsichtige Schluss ziehen, dass der Religionsunterricht in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart in der Wahrnehmung der Beteiligten vieles richtiggemacht hat. An diesen Aussagen zeigt sich aber nur eine Seite der Ergebnismedaille. Eine annährend ebenso große Zahl der Befragten erwarten vom Religionsunterricht in der Zukunft ein Ende seiner konfessionellen Ausrichtung. Dies sehen die Teilnehmer*innen an der Befragung als die entscheidende Weichenstellung für die Fortexistenz des Religionsunterrichts im öffentlichen Schulsystem an. Diese Momentaufnahme oder dieses Stimmungsbild stellen die Verantwortlichen für den Religionsunterricht vor ein nicht geringes Problem. Wie sollte ein Religionsunterricht aussehen, der sich nicht mehr eindeutig einer bestimmten Kirche oder Religionsgemeinschaft zuordnen lässt, was heißt das für die theologische Ausbildung der zukünftigen Lehrkräfte und die Fort- und Weiterbildung der bereits im Dienst befindlichen Kolleg*innen? Wie gestaltet sich das zumindest im christlichen Kontext eingespielte res mixta-Verhältnis zukünftig? Letztlich bleibt auch die spekulative Frage, ob durch eine gewissermaßen radikale Veränderung irgendetwas besser wird?

Aus meiner Perspektive müssen alle diese Fragen – auch kritische – gestellt werden. Was aber nicht mehr geschehen darf, ist ein ängstlicher, an der Bewahrung des Überkommenen ausgerichteter Antwortversuch.

In einer Alltagswelt, die von Religion und religiös kontextualisierten Ereignissen durchsetzt ist, wächst kein Kind auf, ohne mit dem Phänomen des Religiösen und mit religiösen Menschen in Berührung zu kommen. Eigene Religiosität und eigene Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft sind zwar immer noch zentrale Erfahrungsräume des Religiösen – mitnichten aber der Bereich, an dem religiöse Bildung im Raum öffentlicher Bildung in erster Linie Maß nehmen muss. Die unterschwellig immer noch vorhandene katechetische Substruktur des Religionsunterrichts darf mit Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart endgültig verschwinden. Dem, wenn auch zum Teil unberechtigten Vorwurf, der konfessionelle Religionsunterricht im staatlichen Schulsystem diene vor allem den Eigeninteressen der Kirchen und Religionsgemeinschaften, kann dadurch an dieser Stelle ein Ende gemacht werden.

Entscheidend erscheint mir deshalb, den Religionsunterricht als einen Raum der Vielfalt zu gestalten, der die jeweiligen Lebensverhältnisse der Schüler*innen in kultureller und religiöser Hinsicht abbildet. Eine innerhalb der Schule im Grunde künstliche Trennung nach Konfessionen und Religionen sollte, wo immer angezeigt, aufgelöst werden zu Gunsten eines Unterrichts im Klassenverband. Dieser gemeinschaftliche Unterricht behält religiöse, konfessionelle und kulturelle Konturen bei, indem er nicht länger in die Verantwortung einzelner Lehrkräfte gelegt wird, sondern in die Hände von Lehrer*innen-Teams, die mit ihrer jeweiligen theologischen Fachexpertise seine curricularen Rahmenbedingungen gestalten. Ziel ist es nicht bestehende Unterschiede zu nivellieren, sondern die vorhandene Vielfalt in ein kohärentes Verhältnis zueinander zu bringen, um Schüler*innen die Idee eines friedlichen Lebens in einer heterogenen Gesellschaft zu vermitteln. Zu dieser Idee gehört dann auch das Entwickeln einer Streit- und Diskurskultur in einem Lernen miteinander und nicht übereinander. Eine Ausweitung dieses kooperativen Modells auf den Ethikunterricht ist hierbei ausdrücklich mitgedacht.

In diesem Modus übernimmt der Religionsunterricht in gesellschaftlicher Hinsicht, im Sinne einer religiösen und ethischen Bildung für alle, nachvollziehbar Verantwortung in einer Gesellschaft, die häufig genug (institutionelle) religiöse Ansprüche als schwierig und kontraproduktiv wahrnimmt. Schüler*innen dürfen erfahren, erleben und erlernen, dass sowohl religiöse als auch nichtreligiöse Weltzugänge eine wichtige Ressource für die Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft bilden. Daraus erwächst ihnen im schulischen Kontext aber auch das Recht in vielleicht bricolageartigen Übergangsphasen begleitet zu werden. Religiöse und ethische Bildung kann sich daher als langjährige Biographiearbeit verstehen, die, wie andere Fächer in der Schule auch, Schüler*innen vorbereitet auf das Leben in der Gesellschaft, die sie einerseits vorfinden und andererseits langfristig mitgestalten sollen.    

Für den katholischen Religionsunterricht bedeutet eine solche Entwicklung nicht Marginalisierung oder Selbstaufgabe. Vielmehr kann er die traditionellen Spuren gesellschaftsbildender Kraft des Christentums wieder aufnehmen – eine dynamisierende Kraft, die mehr ist als eine moralisch-normative Einhegung der Gesellschaft. Er darf erfasst und verstanden werden als der Versuch, die universale Heilszusage Gottes an alle Menschen in Christus in einer lebenswerten Gesellschaft für alle erfahrbar zu machen. Schüler*innen werden in einem solchen Unterricht motiviert, an dieser die Gesellschaft insgesamt betreffenden Entwicklung engagiert teilzuhaben, gerne auch auf der Grundlage eines im heterogenen Kontext gewachsenen katholischen Selbstbewusstseins.

Also: The old days are gone – but better days will come!

Prof. Dr. Stephan Pruchniewicz lehrt Praktische Theologie mit dem Schwerpunkt Religionspädagogik am Institut für Katholische Theologie der Justus-Liebig-Universität Gießen.

LITERATURVERZEICHNIS

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.) (2009), Die bildende Kraft des Religionsunterrichts. Zur Konfessionalität des katholischen Religionsunterrichts. Beschluss DBK v. 27. September 1996, Bonn 5. Aufl. (= Die Deutschen Bischöfe 56).

Kläden, Tobias/ Loffeld, Jan (Hg.) (2025), Christsein in der Minderheit, Freiburg.

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