RUheute | 02-2021
Apokalyptik
Begründet in vielfältigen Krisenerfahrungen globalen Ausmaßes ist gegenwärtig das Gefühl einer existenziellen Bedrohung von Welt und Menschheit weit verbreitet. Diese Krisenstimmung führt zu einem wachsenden Interesse an apokalyptischen Endzeitszenarien. Im Rückgriff auf Bilder und Motive der religiösen Tradition sucht man die eigenen Zukunftsängste zum Ausdruck zu bringen und zu bewältigen. Romane, Filme, Musik, Computerspiele, politisch-ökologische Krisenanalysen, aber auch Verschwörungstheorien und (religiöse) Fundamentalisten bedienen sich je auf ihre Weise dieses apokalyptischen Vorstellungsrepertoires, um die Zeichen der Zeit zu deuten. Dieser vielfältige Rückgriff auf tradierte Vorstellungen bedeutet jedoch nur scheinbar eine Revitalisierung religiöser Apokalyptik. Das neu erwachte Interesse an Apokalyptik verfehlt deren genuin religiöse Intention vielmehr im Entscheidenden, sofern es diese gleichsam säkularisiert, sie ihrer eigentlichen Hoffnungsdimension beraubt. Und dies nicht erst da, wo es um bloße Angstmache oder die Provokation gewalttätiger Phantasien geht, sondern gerade auch dort, wo die Beschwörung von Weltuntergangsszenarien zum politischen Engagement in kritischer Absicht motivieren will. Säkulare Apokalyptik denkt dabei rein immanent, ohne jede Hoffnung auf Erlösung. Sie stellt die Wende im katastrophalen Geschichtsverlauf allein in die Verfügungsgewalt der Menschen. Das aber droht diese zu überfordern – hoffnungslos.