Apr. 16, 2026

Künstliche Intelligenz im Religionsunterricht

RUplus

Ein Erfahrungsbericht

Ein Beitrag von Christian Gottas

Systeme künstlicher Intelligenz haben längst Einzug in den schulischen Alltag gehalten und damit auch den Religionsunterricht erreicht. In den vergangenen zwei Jahren wurden entsprechende Fortbildungen für Religionslehrkräfte in unterschiedlichen Formaten – in Präsenz, online sowie als Blended-Learning-Angebote – unter anderem durch das ILF Rheinland-Pfalz und das Pädagogische Zentrum Hessen durchgeführt. Die Resonanz zeigt: Das Interesse ist groß, zugleich aber auch die Verunsicherung.

Viele Lehrkräfte begegnen KI zunächst als hilfreichem Werkzeug, etwa zur Unterstützung bei der Erstellung von Unterrichtsmaterialien oder bei der Planung von Stunden. Andere verbinden mit ihr die Hoffnung auf Entlastung durch automatisierte Korrekturen. Gleichzeitig überwiegt häufig die Sorge angesichts der Möglichkeiten, die sich für Schülerinnen und Schüler eröffnen: Texte, Aufgaben oder sogar komplexe Leistungen können scheinbar mühelos von KI-Systemen generiert werden. Die Angst vor Täuschung, vor einem ‚Überspringen‘ von Lernprozessen und vor einer schwer nachweisbaren Entkopplung von Leistung und Kompetenz ist entsprechend groß. Diese Ambivalenz ist nachvollziehbar, denn KI verändert grundlegende Strukturen schulischen Lernens.

Im Zentrum vieler Fortbildungen zeigt sich jedoch, dass ein entscheidender Bereich oft zu wenig Beachtung findet: die ethisch-moralische Dimension von KI. Gerade hier eröffnet sich ein genuines Aufgabenfeld für den Religionsunterricht. Die Bandbreite der Themen ist enorm: vom hohen Ressourcenverbrauch digitaler Infrastrukturen über den Einsatz autonomer Waffensysteme bis hin zu Fragen von Social Scoring, algorithmischer Kreditbewertung und der wachsenden Macht globaler Technologiekonzerne. Hinzu kommen Probleme wie Verzerrungen und „Halluzinationen“ in KI-generierten Inhalten, die die Frage nach Wahrheit und Verlässlichkeit neu aufwerfen. Auch Phänomene wie Deepfakes, fotorealistische Fake News oder der Einsatz von Social Bots zur gezielten Beeinflussung öffentlicher Diskurse berühren zentrale Aspekte demokratischer Kultur.

Darüber hinaus sind anthropologische und sozialethische Fragen betroffen: Diskriminierung durch algorithmische Entscheidungen, mögliche Arbeitsplatzverluste, veränderte Formen von Beziehung etwa durch KI-gestützte „Replikas“ sowie eine zunehmende Technikabhängigkeit insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Nicht zuletzt berühren transhumanistische Visionen grundlegende Fragen nach dem Menschenbild: Was bedeutet es, Mensch zu sein, wenn technische Systeme immer stärker in kognitive, emotionale oder körperliche Prozesse eingreifen?

Gerade an diesen Punkten zeigt sich die besondere Anschlussfähigkeit an die Inhalte des Religionsunterrichts. Themen wie Schöpfungsverantwortung, Menschenwürde, Gerechtigkeit, Wahrheit, Identität und Gemeinschaft erhalten durch KI eine neue Aktualität. Die Auseinandersetzung mit Selbst- und Weltbildern, mit Freiheit und Verantwortung oder mit der Frage nach gelingendem Leben kann anhand konkreter Beispiele aus der Lebenswelt der Lernenden vertieft werden. KI fungiert dabei nicht nur als Gegenstand, sondern auch als Anlass zur Reflexion grundlegender religiöser und ethischer Fragen.

Der Religionsunterricht muss dabei keine technische Einführung in maschinelles Lernen leisten und auch keine Schulung im effizienten „Prompten“ bieten – hierfür sind andere Fächer besser geeignet. Seine Stärke liegt vielmehr in der Förderung von Urteilskompetenz, im kritischen Hinterfragen und im gemeinsamen Deuten komplexer Zusammenhänge. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, Positionen zu entwickeln, zu begründen und in einen Dialog einzubringen.

Dazu bedarf es keiner umfassenden technischen Expertise auf Seiten der Lehrkräfte. Entscheidend ist vielmehr die Bereitschaft, die digitale Lebenswelt der Lernenden ernst zu nehmen und in den Unterricht zu integrieren. Wenn der Religionsunterricht Räume für offene Gespräche über Erfahrungen mit KI bietet, kann er einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das „virtuelle Selbst“ der Schülerinnen und Schüler sichtbar und reflektierbar zu machen. Es geht um die Stärkung kommunikativer und reflexiver Fähigkeiten – Kompetenzen, die angesichts technologischer Dynamiken zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Zwar existieren bislang kaum ausgearbeitete Methodensammlungen speziell für dieses Themenfeld, doch stellt sich die Frage, ob es diese überhaupt braucht. Religionslehrkräfte verfügen über ein breites didaktisches Repertoire sowie über fundierte Kenntnisse theologischer und ethischer Diskurse. Die Herausforderungen, die KI mit sich bringt, sind in ihrem Kern nicht völlig neu; sie erscheinen vielmehr in veränderter Gestalt. Fragen nach Macht, Verantwortung, Wahrheit oder dem guten Leben begleiten den Religionsunterricht seit jeher – KI bietet lediglich neue Kontexte, in denen diese Fragen gestellt und bearbeitet werden können.

So verstanden liegt in der Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance: für einen Religionsunterricht, der anschlussfähig bleibt, lebensweltlich relevant ist und junge Menschen dazu befähigt, sich in einer zunehmend komplexen digitalen Welt verantwortungsvoll zu orientieren.

Hier einige beispielhafte Fragen, die sie sich eignen, um Diskussionen anzuregen, kritisches Denken zu fördern und Werte zu reflektieren. Sie können als Grundlage für Unterrichtsgespräche, Gruppenarbeiten oder schriftliche Reflexionen dienen.

 

Fragen zu Social Scoring

Darf ein Computer entscheiden, wer ein „guter“ und wer ein „schlechter“ Mensch ist?

Hier kann unterschieden werden zwischen Verhalten, das messbar ist, und moralischer Bewertung, die immer auch Deutung voraussetzt. Die Frage führt zur Einsicht, dass menschliche Würde nicht quantifizierbar ist und sich einer rein datenbasierten Bewertung entzieht.

Wer legt die Regeln für Social Scoring fest?

Diese Frage öffnet den Blick auf Macht und Verantwortung. Es gilt zu klären, ob solche Regeln demokratisch legitimiert sind, wirtschaftlichen Interessen folgen oder intransparent entwickelt werden. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Entscheidungsprozesse kritisch zu hinterfragen.

Was passiert, wenn Menschen ausgeschlossen werden, nur weil ein Algorithmus es so vorschlägt?

Hier kann konkret über soziale Folgen gesprochen werden: eingeschränkter Zugang zu Bildung, Mobilität oder gesellschaftlicher Teilhabe. Die Frage lenkt auf das Spannungsfeld zwischen Effizienz und Gerechtigkeit.

Wie vereinbart sich Social Scoring mit dem Gedanken, dass jeder Mensch Würde und Wert hat?

Diese Frage fordert dazu heraus, religiöse und ethische Menschenbilder einzubringen. Sie macht deutlich, dass der Wert eines Menschen nicht von Leistung oder Bewertungssystemen abhängen darf.

 

Fragen zu Deepfakes

Wie können wir erkennen, ob ein Video oder Bild echt ist?

Die Frage führt zu medienkritischer Kompetenz, aber auch zu der tiefergehenden Einsicht, dass Wahrnehmung täuschbar ist. Kriterien von Wahrheit müssen neu reflektiert werden.

Was tun, wenn jemand mit einem Deepfake gemobbt oder bloßgestellt wird?

Hier steht der Schutz der betroffenen Person im Vordergrund. Es geht um Verantwortung, Empathie und konkrete Handlungsoptionen im schulischen und sozialen Umfeld.

Wie gehen wir damit um, wenn wir nicht mehr sicher sein können, was wahr ist?

Diese Frage berührt grundlegende Fragen nach Vertrauen, Wirklichkeit und Orientierung. Sie kann zu einer Auseinandersetzung mit dem Begriff von Wahrheit auch im religiösen Kontext führen.

 

Fragen zu KI und Schöpfung

Ist es verantwortungsvoll, so viel Energie für KI-Systeme zu verbrauchen?

Hier kann der Ressourcenverbrauch thematisiert und mit dem Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung verbunden werden. Die Frage fordert eine Abwägung zwischen Nutzen und ökologischen Kosten.

Wie können wir Technik nutzen, ohne die Umwelt zu zerstören?

Diese Frage eröffnet Perspektiven auf nachhaltige Nutzung, bewussten Konsum und strukturelle Veränderungen. Sie lenkt den Blick auf Verantwortung im individuellen und gesellschaftlichen Handeln.

Wer trägt die Kosten für den Ressourcenverbrauch von KI?

Damit wird globale Gerechtigkeit angesprochen: Oft profitieren einige, während andere die ökologischen und sozialen Folgen tragen. Diese Zusammenhänge können kritisch reflektiert werden.

 

Fragen zu KI und Gerechtigkeit

Ist es fair, wenn Algorithmen über Kredite, Jobs oder Versicherungen entscheiden?

Hier kann zwischen versprochener Objektivität und tatsächlicher Verzerrung unterschieden werden. Algorithmen können bestehende Ungleichheiten verstärken.

Wer ist verantwortlich, wenn eine KI ungerechte Entscheidungen trifft?

Die Frage macht deutlich, dass Verantwortung nicht bei ,der Maschine‘ liegen kann, sondern bei den Menschen, die sie entwickeln, einsetzen und regulieren.

Wie können wir verhindern, dass KI-Systeme Menschen diskriminieren?

Dies führt zu Überlegungen zu Transparenz, Kontrolle und ethischen Standards sowie zu der Frage, welche Rolle Werte in technischen Systemen spielen.

 

Fragen zu KI und Wahrheit

Können wir KI vertrauen, wenn sie manchmal falsche Informationen liefert?

Hier wird deutlich, dass Vertrauen immer geprüft werden muss. Die Frage lädt dazu ein, Quellen kritisch zu hinterfragen und eigene Urteilsfähigkeit zu stärken.

Wie gehen wir damit um, wenn Maschinen Vorurteile wiederholen oder Fakten erfinden?

Diese Frage verbindet technische Probleme mit ethischen: Sie zeigt, dass KI menschliche Vorurteile spiegeln kann und daher nicht neutral ist.

Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn wir nicht mehr wissen, was wahr ist?

Hier kann die Bedeutung gemeinsamer Wirklichkeitsgrundlagen thematisiert werden, etwa für Zusammenhalt, Diskurs und Orientierung.

 

Fragen zu KI und Demokratie

Wie schützen wir unsere Demokratie vor Manipulation durch Social Bots oder Hate Speech?

Die Frage lenkt auf die Gefährdung öffentlicher Meinungsbildung und die Notwendigkeit von Schutzmechanismen sowie Medienkompetenz.

Was können wir tun, um falsche Informationen in sozialen Netzwerken zu erkennen?

Hier geht es um konkrete Strategien der Prüfung und Einordnung von Informationen sowie um die Verantwortung jedes Einzelnen im Umgang mit digitalen Inhalten.

Wie können wir sicherstellen, dass alle Menschen Zugang zu verlässlichen Informationen haben?

Diese Frage verweist auf Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe als Voraussetzung für demokratische Beteiligung.

 

Fragen zu KI und dem Menschen

Verlernen wir, echte Beziehungen zu führen, wenn Maschinen emotionale Bedürfnisse erfüllen?

Hier kann zwischen echter Begegnung und simulierten Beziehungen unterschieden werden. Die Frage berührt grundlegende Aspekte menschlicher Sozialität.

Was bedeutet es für unsere Identität, wenn KI unser Verhalten bewertet oder unser Bild fälscht?

Diese Frage führt zur Auseinandersetzung mit Selbstbild, Fremdwahrnehmung und der Verletzlichkeit von Identität in digitalen Räumen.

Wie gehen wir damit um, wenn KI immer mehr Aufgaben übernimmt, die früher Menschen gemacht haben?

Hier können Fragen nach Sinn, Arbeit und Selbstverständnis thematisiert werden: Welche Rolle bleibt dem Menschen, und wie verändert sich sein Platz in der Welt?

Mein Fazit als Referent für Medienpädagogik und Digitalität lautet:
KI als Chance für den Religionsunterricht verstehen. Sie öffnet die Tür zur virtuellen Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler. Der Religionsunterricht kann:

  • Kommunikation fördern: Wie sprechen wir über Technik?
  • Reflexion anregen: Was bedeutet das für uns?
  • Das „virtuelle Selbst“ einbeziehen: Wie erleben Jugendliche die digitale Welt?

Lehrkräfte müssen keine KI-Expertinnen und -Experten sein. Sie müssen nur Raum für Austausch schaffen. Denn am Ende geht es um Urteilsfähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung – und genau dafür ist der Religionsunterricht (auch) da.

Chritian Gottas arbeitet als Referent für Medienbildung und Digitalität beim Pädagogischen Zentrum der Bistümer im Lande Hessen und als Medienpädagoge am Gymnasium Mombach

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